„Leben wir vielleicht zu lange?“

Publié le par Aqua Aqua

Source: http://www.uni-heidelberg.de/md/nar/medien/pdfs/interview_wahl.pdf

„Leben wir vielleicht zu lange?“


04 / 2016
von:
Hans-Werner Wahl im Gespräch
Kann man mit 90 Jahren überhaupt noch glücklich sein? Man kann! Doch wenn der
Tod naherückt, wird es oft trüb in der Seele. Der Heidelberger Alternsforscher Hans-
Werner Wahl hat ermutigende, aber auch nachdenklich stimmende Erkenntnisse über
die letzte Phase des Lebens gewonnen

....

Wir haben heute die Chance, extrem alt zu werden. Und zwar mit einem hohen Maß an Wohlbefinden. Doch je weiter wir das menschliche System in die extreme Langlebigkeit treiben, desto fragiler scheint es zu werden.
Wir bezahlen also auch einen Preis dafür, dass wir sehr lange leben. Noch einmal: Lange und
glücklich zu leben – das ist wirklich toll. Wir können noch vieles spät im Leben gestalten und
erleben, aber wenn wir dann sehr, sehr spät in die Nähe des Todes kommen, dann sind wir
auch emotional sehr fragil und sehr verletzlich.

...Dass plötzlich mehrere
Gebrechen zugleich auftreten.
Das spielt sicherlich eine Rolle, scheint das Phänomen aber nicht vollständig zu erklären. Ich
glaube jedenfalls, dass wir durch die
Distance to death
-Forschung noch eine Menge lernen
werden über die Dynamiken des Sterbens in der sehr späten Lebensphase. Dazu zählt auch
die Frage, wann dies beginnt, dass wir sozusagen auf die andere Seite treten und uns
innerlich vorbereiten auf das, was kommt. Wir Psychologen messen das ja gerne als
Depression. Aber vielleicht ist das gar keine wirkliche Depression, sondern ein ganz
besonderer Zustand, der am Ende des Lebens sinnvoll für uns sein könnte.
Vielleicht bräuchte man einen neuen Begriff dafür: „Abschiedstrauer“ zum Beispiel?
Ja, vielleicht.
Vielleicht könnte es in Zukunft Kurse geben, in denen wir das Sterben lernen? In denen
wir lernen, die dunklen Gefühle am Ende des Lebens als etwas Gutes und Richtiges
anzunehmen?
Das glaube ich schon. Das produktive Moment in diesen Erkenntnissen könnte darin liegen,
dass wir die letzte Phase des Lebens, auch den Tod, gesellschaftlich enttabuisieren und
sagen: Lasst uns mehr investieren in eine Bildung zum Lebensende, in eine Ars moriendi,
eine end of life care. Die Befunde, über die wir gesprochen haben, sind zum Beispiel noch
wenig vernetzt mit der Palliativmedizin. Man könnte überlegen, ob und wie wir Menschen in
der Endphase ihres Lebens in einer längeren Begleitung sinnvolle Angebote machen k
önnen.
Ich glaube nämlich nicht, dass dies jeder Mensch für sich selbst leisten kann. Darüber ist
insgesamt noch viel zu wenig nachgedacht worden.


Ich möchte noch über einen weiteren Punkt Ihrer Arbeit reden. Sie beschäftigen sich
seit vielen Jahren mit dem Phänomen des „subjektiven Alterns“. Was hat es damit auf
sich?
Die Alternsforschung ist geprägt von dieser einfachen und klaren Variable des
chronologischen Alters. Aber eigentlich ist auch seit Jahren unbestritten, dass unser
chronologisches Alter, also das Alter, das im Ausweis steht, vor allem im fortgeschrittenen
Leben nur ganz wenig vorhersagen und erklären kann. Es scheint viel wichtiger zu sein, wie
wir unser Altern interpretieren.


Ich bin so alt, wie ich mich fühle?

Genau, das wäre die Kurzversion. Und es liegen hierzu eine Reihe überraschender Befunde vor. Zum Beispiel: Wir fühlen uns kaum einmal im Leben so alt, wie wir sind. Schon Kinder mit vier Jahren sagen: Ich bin eigentlich fast fünf. Jugendliche mit 16 sagen: Ich fühl mich wie 18.


Junge Leute fühlen sich älter?
Richtig. Mit Mitte 20 scheint das allerdings zu kippen, und wir fühlen uns auf einmal jünger –
bis auf eine sehr kleine Gruppe, die sich wirklich so alt fühlt, wie sie ist. Jedenfalls wird der
Unterschied zwischen chronologischem und subjektivem Alter mit der Zeit immer größer. Mit
80 oder 90 fühlen sich viele Menschen 10 oder sogar 20 Jahre jünger, als sie sind.
Wenn man eine Gruppe von Fünfzigjährigen fragt, wie alt sie sich fühlen – kann man
dann aus den Antworten vorhersagen, wie lange die Betreffenden gesund bleiben und
wie lange sie leben werden?
Natürlich ist das nicht der einzige Faktor, der dabei eine Rolle spielt. Aber ja, da gibt es einen
nachweisbaren Zusammenhang. Die hierzu vorliegenden Längsschnittstudien haben wir
kürzlich in einer Metaanalyse zusammengefasst und dabei einige Effekte nachweisen
können. Es scheint gut für uns zu sein, dass wir uns jünger fühlen. Wer das tut, bleibt länger
gesund und länger am Leben. Auch unsere Einstellung zum Altern ist wichtig: Sehe ich eher die Defizite oder eher die Entwicklungspotenziale? Wie erlebe ich mein eigenes Altern?
....Altersstereotyp ausgelöst. Und das kann man auch messen: Frau Schmidt wird bei kognitiven
Aufgaben schlechter abschneiden, als wenn ich nur gesagt hätte: „Frau Schmidt, willkommen,
toll dass Sie da sind.“ Das ist sehr gut untersucht. Ähnliche Effekte bekommt man, wenn man
die Handkraft testet oder die Schreibmotorik. In der Gruppe, in der man ein negatives
Altersstereotyp ausgelöst hat, werden die Leistungen schlechter.
... Viele können nach
dem Ausstieg aus dem Erwerbsleben noch mit 20 guten Jahren rechnen – das ist ein sehr
langer Zeitraum, fast ein Viertel der gesamten mittleren Lebenszeit. Ich halte es deshalb für
möglich, dass wir eine Gesellschaft sehen, in der auch spät im Leben sehr positive, gar nicht..

....

mit Alter verbundene Vorstellungen gelebt werden. Ich habe das einmal fortgeschrittenes
Erwachsenenleben genannt. Und die sehr verletzliche letzte Lebensphase wird
möglicherweise isoliert werden vom Blick der Öffentlichkeit. Aber das ist alles sehr spekulativ,
ich weiß es im Grunde auch nicht.


Ihre Kollegin Ellen Langer hat vor einigen Jahren ein spektakuläres Experiment
gemacht, die sogenannte Counterclockwise-Studie. Sie hat 80-jährige Männer eine
Zeitlang in einer Umgebung leben lassen, die genauso aussah wie die Welt ihrer
Jugend. Wenige Wochen haben genügt, um diese Männer tatsächlich wieder deutlich
jünger zu machen.
Ja, und es gibt noch mehr Ansätze dieser Art, viele gute Interventionsmöglichkeiten, die insgesamt noch längst nicht voll genutzt werden. Wenn Sie jetzt also fragen: Was kann ich tun, um länger jung zu bleiben und meinen Funktionsstatus zu erhalten,

dann sehe ich vier Säulen, die wissenschaftlich gesichert sind.

Zum einen kognitives Training. Da gibt es inzwischen computergestützte Programme mit Gedächtnisaufgaben, Eselsbrücken,
Memorieren, eine Art Gehirnjogging. Hier verfügen wir über eine sehr große empirische Basis,
die überwiegend ermutigend ist. Die größte Studie, die sogenannte
ACTIVE study, hat gezeigt, dass man vor allem langfristig von so einem Training profitiert, also auch noch nach Jahren. Wichtige Alltagsleistungen bleiben also durch frühzeitiges kognitives Training länger erhalten.

Und die zweite Säule?
Das ist die physische Aktivität. Längsschnittdaten zeigen, dass Bewegungsprogramme in
sehr vielen Lebensbereichen helfen, nicht nur in Bezug auf körperliche Fitness. Wer sich viel
bewegt, ist engagierter, hat eine bessere kognitive Entwicklung, wird mit höherer
Wahrscheinlichkeit nicht depressiv, hat ein höheres Wohlbefinden. Und weil man auch seine
Motorik verbessert, ist man im hohen Alter weniger sturzgefährdet. Eine dritte Säule könnte
Psychoth
erapie beziehungsweise psychologische Beratung werden. Die funktioniert sehr gut
bei alten Menschen, wie große Studien zeigen. Man könnte jetzt differenzieren, welche
Therapie bei welchen Problemen besser oder weniger gut hilft. Aber eine Variable spielt
dabei auf jeden Fall überhaupt keine Rolle: nämlich das chronologische Alter des Patienten!
Eine Therapie ist mit 70 so gut wie mit 30?
Ja, genau.
Nicht der Therapeut, sondern der Patient trägt dann den weißen Bart?
Der Therapeut braucht tatsächlich keinen weißen Bart. Es funktioniert auch mit jungen
Therapeuten, wenn die Ausbildung stimmt und grundlegendes Wissen über die spezifischen
Erfahrungen der Älteren vorhanden ist.
Was ist mit meiner Einstellung zum Alter? Wenn ich sage: „Mit diesem Auto will ich
noch fünfmal durch den TÜV kommen“, dann gehe ich anders damit um, als wenn ich
sage: „Es lohnt sich eh nicht mehr, die Karre hat so viele Kilometer auf dem Tacho – ich
fahr die jetzt ohne Ölwechsel, bis sie den Geist aufgibt.“

Das ist der entscheidende Punkt. Die vierte Säule, von der ich gesprochen habe, ist die
Einstellung zum eigenen Älterwerden. Eine positive Sicht auf das eigene Altern zu haben bedeutet zum Beispiel, sich vom Gegenwind des späten Lebens und seinen Widrigkeiten nicht sofort umblasen zu lassen.

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